Essstörungen erkennen: Wenn Essen zum Kampf wird

Essen sollte etwas Selbstverständliches sein – eine Handlung, über die man sich im Alltag kaum bewusste Gedanken macht. Für Menschen mit einer Essstörung ist genau das Gegenteil der Fall: Essen wird zu einem ständigen inneren Kampfschauplatz, auf dem Kontrolle, Angst, Scham und tief sitzende emotionale Konflikte ausgetragen werden. Essstörungen zählen zu den psychischen Erkrankungen mit den ernstesten gesundheitlichen Folgen und bleiben gleichzeitig häufig über Jahre unentdeckt, weil Betroffene ihr Verhalten geschickt verbergen oder selbst nicht als problematisch erkennen. In Österreich sind Essstörungen keineswegs selten – sie betreffen Menschen jeden Alters, jeden Geschlechts und aus allen sozialen Schichten, auch wenn bestimmte Gruppen statistisch stärker betroffen sind. Als Thema für die Psychotherapie erfordert dieser Bereich besondere Sensibilität und fachliche Erfahrung.

Essstörungen sind mehr als ein Ernährungsproblem

Ein weit verbreitetes Missverständnis ist die Annahme, Essstörungen seien in erster Linie ein Problem der Ernährung oder des Körpergewichts. Tatsächlich handelt es sich um komplexe psychische Erkrankungen, bei denen das gestörte Essverhalten lediglich die sichtbare Oberfläche eines viel tieferen inneren Konflikts darstellt. Essen, Hungern oder andere essensbezogene Verhaltensweisen werden zu einem Mittel, mit dem unerträglich erlebte Gefühle reguliert, Kontrolle über das eigene Leben zurückgewonnen oder ein zutiefst erschüttertes Selbstwertgefühl kompensiert werden soll.

Diese Erkrankungen entwickeln sich fast nie plötzlich. Sie beginnen häufig schleichend, oft eingebettet in gesellschaftlich akzeptierte Verhaltensweisen wie Diäten oder gesundheitsbewusstes Essen, und entwickeln sich über Monate oder Jahre zu einem Muster, das zunehmend die Kontrolle über das eigene Leben übernimmt.

Warum Essstörungen so lange unentdeckt bleiben

Essstörungen sind von einer besonderen Heimlichkeit geprägt. Betroffene entwickeln oft ein hohes Maß an Geschicklichkeit darin, ihr Verhalten vor der Umwelt zu verbergen – aus Scham, aus Angst vor Bevormundung oder auch, weil das gestörte Verhalten selbst als wichtige, schützenswerte Bewältigungsstrategie erlebt wird, von der man sich nicht trennen möchte. Diese Heimlichkeit erschwert es Angehörigen erheblich, das Problem zu erkennen, und verzögert häufig den Beginn einer notwendigen Behandlung um Jahre.

 

Die wichtigsten Formen von Essstörungen

Essstörungen zeigen sich in unterschiedlichen Erscheinungsformen, die jeweils eigene Dynamiken und Behandlungsschwerpunkte haben:

  • Magersucht (Anorexia nervosa), gekennzeichnet durch eine tiefgreifende Angst vor Gewichtszunahme, ein stark verzerrtes Körperbild und restriktives Essverhalten
  • Bulimie (Bulimia nervosa), bei der sich wiederholte Essanfälle mit kompensierendem Verhalten wie Erbrechen, exzessivem Sport oder Fasten abwechseln
  • Binge-Eating-Störung, bei der wiederkehrende, als unkontrollierbar erlebte Essanfälle im Vordergrund stehen, ohne dass anschließend kompensierendes Verhalten folgt
  • Atypische und Mischformen, die nicht exakt in die klassischen Kategorien passen, aber ebenso belastend und behandlungsbedürftig sein können
  • Orthorexie, ein zwanghaftes Bedürfnis nach ausschließlich „gesunder“ Ernährung, das zunehmend das gesamte Leben und soziale Kontakte einschränkt

 

Wichtig zu verstehen ist: Eine Essstörung muss sich nicht in einem auffälligen Körpergewicht zeigen. Menschen mit völlig unauffälligem Gewicht können ebenso schwer betroffen sein wie Menschen mit deutlichem Unter- oder Übergewicht.

Der gemeinsame psychische Kern

Trotz ihrer unterschiedlichen äußeren Erscheinungsform teilen die meisten Essstörungen einen gemeinsamen psychischen Kern: ein instabiles, oft von äußerer Bestätigung abhängiges Selbstwertgefühl, ein tiefes Bedürfnis nach Kontrolle in einem als chaotisch oder überfordernd erlebten Leben sowie erhebliche Schwierigkeiten, Gefühle wahrzunehmen, zu benennen und auf andere Weise als über das Essverhalten zu regulieren.

 

Wie entstehen Essstörungen?

Essstörungen entstehen durch ein komplexes Zusammenspiel verschiedener Faktoren. Gesellschaftliche Schönheitsideale und ein permanenter Optimierungsdruck spielen eine begünstigende Rolle, ebenso wie familiäre Dynamiken, in denen Leistung, Kontrolle oder Äußerlichkeiten eine übermäßige Bedeutung hatten. Persönlichkeitsfaktoren wie ausgeprägter Perfektionismus, ein hohes Bedürfnis nach Kontrolle oder eine besondere Sensibilität gegenüber Kritik und Zurückweisung erhöhen ebenfalls die Anfälligkeit.

Die Suche nach Kontrolle in einer unsicheren Welt

Ein bedeutsames psychologisches Motiv hinter vielen Essstörungen ist das Bedürfnis nach Kontrolle. Wenn andere Lebensbereiche als unkontrollierbar, überfordernd oder bedrohlich erlebt werden, kann das Essverhalten zu einem der wenigen Bereiche werden, in dem absolute Kontrolle möglich erscheint. Diese Kontrolle verschafft zunächst ein Gefühl von Sicherheit und Selbstwirksamkeit – wird aber langfristig selbst zur Quelle des Leidens, weil sie sich immer mehr verselbstständigt und das ursprüngliche Sicherheitsgefühl in eine neue Form der Fremdbestimmung verkehrt.

 

Die existenzanalytische Perspektive auf Essstörungen

Die Existenzanalyse nach Alfried Längle betrachtet Essstörungen häufig im Zusammenhang mit der dritten Grundmotivation: „Darf ich so sein, wie ich bin?“ Bei vielen Betroffenen zeigt sich eine tiefgreifende Selbstablehnung, die sich auf den eigenen Körper konzentriert, im Kern jedoch weit darüber hinausgeht. Der Körper wird zum Schauplatz eines Kampfes um Selbstwert und Anerkennung, der eigentlich auf einer ganz anderen Ebene ausgetragen werden müsste.

Auch die zweite Grundmotivation – „Mag ich leben?“ – ist bei Essstörungen häufig betroffen. Das gestörte Essverhalten kann Ausdruck einer tiefen Ambivalenz gegenüber dem eigenen Leben und den eigenen Bedürfnissen sein. Existenzanalytische Psychotherapie versucht, hinter dem sichtbaren Essverhalten diese fundamentaleren Fragen aufzuspüren und behutsam zu bearbeiten.

 

Der Weg zur Genesung

Essstörungen gehören zu den psychischen Erkrankungen, bei denen eine enge Zusammenarbeit zwischen Psychotherapie und medizinischer Betreuung besonders wichtig ist, da körperliche Folgeschäden ernsthaft und mitunter lebensbedrohlich sein können. Psychotherapie bei Essstörungen zielt darauf ab, den zugrundeliegenden emotionalen und existenziellen Konflikten Raum zu geben, ohne sich ausschließlich auf das Symptom zu konzentrieren. Es geht darum, einen gesünderen Zugang zu den eigenen Gefühlen zu entwickeln, das Selbstwertgefühl von äußeren Faktoren wie Gewicht oder Kontrolle zu lösen und eine wohlwollende und akzeptierende Beziehung zum eigenen Körper und Selbst aufzubauen.

 

Dieser Weg ist selten kurz oder geradlinig. Er erfordert Geduld, fachliche Begleitung und oft auch die Einbindung weiterer Fachleute wie Ärzte oder Ernährungsberater, die eng mit der psychotherapeutischen Behandlung zusammenarbeiten.

 

In der Praxis von Dipl. Päd. Bernd Thell in der Kalvarienberggasse 57/18 in Wien Hernals wird bei Essstörungen besonderer Wert auf eine vertrauensvolle, nicht wertende therapeutische Beziehung gelegt, da gerade der Aufbau von Vertrauen bei diesem schambesetzten Thema eine wesentliche Voraussetzung für jede weitere Arbeit ist. Die existenzanalytische Herangehensweise ergänzt dabei die notwendige medizinische Abklärung um die Auseinandersetzung mit den existenziellen Fragen, die dem gestörten Essverhalten häufig zugrunde liegen.

 

Wann sollte Hilfe gesucht werden?

Eine Essstörung sollte fachlich abgeklärt werden, wenn Gedanken um Essen, Gewicht oder Körper einen Großteil des Tages einnehmen, wenn sich das Essverhalten zunehmend heimlich oder ritualisiert gestaltet, wenn soziale Anlässe aufgrund von Essenssituationen vermieden werden oder wenn Angehörige deutliche Veränderungen im Essverhalten oder in der Stimmung bemerken. Essstörungen sind ernstzunehmende Erkrankungen, die professionelle Unterstützung erfordern – gleichzeitig sind sie behandelbar, und eine Genesung ist mit der richtigen Begleitung möglich.


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