Die Wertimagination: Eine besondere Methode der Existenzanalyse
In der psychotherapeutischen Landschaft gibt es unzählige Methoden und Techniken – von kognitiven Ansätzen über körperorientierte Verfahren bis hin zu tiefenpsychologischen Konzepten. Eine besondere, weniger bekannte, aber äußerst wirkungsvolle Methode stammt aus der Existenzanalyse nach Alfried Längle: die Wertimagination. Sie verbindet bildhaftes, sinnliches Erleben mit der bewussten Auseinandersetzung mit den eigenen Werten – jenen inneren Bezugspunkten, die einem Leben Bedeutung und Richtung geben. Wer verstehen möchte, wie existenzanalytische Psychotherapie in der Praxis konkret aussieht, findet in der Wertimagination eines der anschaulichsten Beispiele dafür, wie diese Therapieform arbeitet.
Was sind Werte – und warum sind sie für die Psyche so bedeutsam?
Bevor die Methode selbst verständlich wird, lohnt sich ein Blick auf den zugrundeliegenden Begriff. In der Existenzanalyse werden Werte nicht abstrakt-moralisch verstanden, sondern als das, was einen Menschen innerlich bewegt, anspricht und lebendig macht. Ein Wert kann eine Person sein, eine Tätigkeit, ein Ort, ein Gefühl oder eine Erfahrung – entscheidend ist, dass er eine spürbare, positive Resonanz im eigenen Erleben auslöst.
Werte sind damit weit mehr als bloße Vorlieben. Sie sind die inneren Kompassnadeln, die uns zeigen, wohin es uns zieht, was uns wichtig ist und was unserem Leben Sinn verleiht. Psychische Erkrankungen gehen häufig mit einem Verlust des Zugangs zu diesen Werten einher: Depression etwa lässt sich aus existenzanalytischer Sicht auch als ein Zustand beschreiben, in dem der Mensch seine eigenen Werte nicht mehr spüren kann, obwohl sie theoretisch weiterhin vorhanden wären.
Wenn der Zugang zu den eigenen Werten verloren geht
Viele Menschen, die in die existenzanalytische Psychotherapie kommen, berichten von einem Gefühl innerer Leere oder Sinnlosigkeit – nicht, weil es objektiv nichts gäbe, das ihnen wichtig sein könnte, sondern weil der innere Zugang zu diesem Wichtigen blockiert ist. Chronischer Stress, Depression, Burnout oder auch lang anhaltende Selbstentfremdung können dazu führen, dass die Fähigkeit, echte emotionale Resonanz zu erleben, regelrecht verschüttet wird.
Wie die Wertimagination praktisch funktioniert
Die Wertimagination ist eine strukturierte therapeutische Übung, bei der die betroffene Person eingeladen wird, sich in einem entspannten Zustand innerlich einem selbst gewählten Wert zuzuwenden – etwa einer geliebten Person, einem bedeutsamen Ort in der Natur, einer besonderen Erinnerung oder einer Tätigkeit, die früher Freude bereitet hat.
Im Unterschied zu einer bloß gedanklichen Reflexion wird bei der Wertimagination bewusst die sinnliche, bildhafte Vorstellungskraft aktiviert. Die Person wird angeleitet, sich das Gewählte so konkret wie möglich vorzustellen: Welche Farben, Geräusche, Gerüche sind damit verbunden? Wie fühlt sich der Körper an, während dieses Bild präsent ist? Wo im Körper ist eine Reaktion spürbar? Diese bewusste Verankerung im sinnlichen Erleben unterscheidet die Wertimagination von einer rein kognitiven Übung und macht sie zu einem kraftvollen Werkzeug der existenzanalytischen Psychotherapie.
Die drei Schritte einer typischen Wertimagination
Eine Wertimagination folgt in der Regel einem dreistufigen Ablauf, der behutsam und ohne Zeitdruck durchlaufen wird:
- Ankommen und Entspannung: Zunächst wird über einfache Atem- oder Körperübungen ein Zustand innerer Ruhe hergestellt, der die notwendige Offenheit für das anschließende Erleben ermöglicht
- Bildhaftes Erleben des gewählten Wertes: Die Person wendet sich innerlich dem gewählten Bild zu und lässt es mit allen Sinnen lebendig werden, ohne es kognitiv zu analysieren oder zu bewerten
- Nachspüren und Verbalisieren: Im Anschluss wird gemeinsam besprochen, was während der Imagination erlebt wurde – welche Gefühle, Körperempfindungen oder Erkenntnisse aufgetaucht sind
Dieser strukturierte Ablauf ermöglicht es, auch verschüttete oder vergessene Werte wieder ins Bewusstsein zu holen und ihre emotionale Wirkung tatsächlich zu spüren, statt nur gedanklich darüber nachzudenken.
Wofür wird die Wertimagination in der Praxis eingesetzt?
Die Wertimagination findet in unterschiedlichsten therapeutischen Kontexten Anwendung und hat sich bei verschiedenen psychischen Belastungen als hilfreich erwiesen.
Bei Depression und Sinnverlust
Wenn Menschen unter einem Gefühl innerer Leere oder Sinnlosigkeit leiden, kann die Wertimagination helfen, den verloren geglaubten Zugang zu bedeutsamen Erfahrungen und Beziehungen wiederzufinden. Oft zeigt sich in der Übung, dass die Fähigkeit zur emotionalen Resonanz keineswegs verschwunden, sondern lediglich überdeckt war – eine Erkenntnis, die selbst bereits therapeutisch wirksam sein kann.
Bei Stress und Erschöpfung
Für Menschen, die unter chronischem Stress oder Burnout stehen, bietet die Wertimagination einen bewussten Gegenpol zur permanenten Leistungsorientierung. Sie lenkt die Aufmerksamkeit weg von To-do-Listen und Anforderungen, hin zu dem, was tatsächlich nährt und stärkt – eine Erfahrung, die im hektischen Alltag häufig zu kurz kommt.
Zur Stärkung der Selbstwahrnehmung
Auch bei Menschen, die generell Schwierigkeiten haben, ihre eigenen Bedürfnisse und Gefühle wahrzunehmen, kann die regelmäßige Praxis der Wertimagination die Fähigkeit zur Introspektion und emotionalen Selbstwahrnehmung nachhaltig verbessern.
Die theoretische Verankerung in der Existenzanalyse
Die Wertimagination ist keine isolierte Technik, sondern tief in der Theorie der Existenzanalyse nach Alfried Längle verwurzelt. Sie steht in engem Zusammenhang mit der zweiten Grundmotivation: „Mag ich leben?“ Diese Frage wird maßgeblich dadurch beantwortet, inwieweit ein Mensch Zugang zu dem hat, was ihm wertvoll erscheint, und ob er sich innerlich berührt und lebendig fühlt.
Existenzanalytische Psychotherapie geht davon aus, dass echte emotionale Bewegtheit – das, was Längle als „affektive Betroffenheit“ bezeichnet – eine notwendige Voraussetzung für ein erfülltes, sinnhaftes Leben ist. Wo diese Bewegtheit fehlt, entsteht innere Leere, selbst wenn äußerlich alles in Ordnung zu sein scheint. Die Wertimagination setzt genau an diesem Punkt an, indem sie den Zugang zur eigenen affektiven Welt gezielt reaktiviert.
Ein Beispiel aus der therapeutischen Praxis
In der Arbeit mit Klientinnen und Klienten zeigt sich immer wieder, wie kraftvoll diese scheinbar einfache Übung sein kann. Ein Mensch, der über Monate hinweg von Erschöpfung und innerer Leere berichtet hatte, konnte im Rahmen einer Wertimagination unerwartet intensiv die Erinnerung an einen bestimmten Waldspaziergang aus der Kindheit wieder erleben – mit allen Farben, Gerüchen und dem Gefühl tiefer Geborgenheit, das damit verbunden war. Diese Erfahrung, so einfach sie klingen mag, eröffnete einen neuen Zugang zu der Erkenntnis, dass die Fähigkeit zu tiefem, positivem Erleben nach wie vor vorhanden war – sie musste nur wieder bewusst aufgesucht werden.
Solche Erfahrungen sind in der existenzanalytischen Psychotherapie keine Seltenheit. Sie zeigen exemplarisch, wie die Wertimagination als methodische Brücke fungiert zwischen dem, was im Kopf verstanden wird, und dem, was tatsächlich im eigenen Erleben spürbar wird.
Wertimagination als Teil eines größeren therapeutischen Prozesses
Es ist wichtig zu betonen, dass die Wertimagination in der Regel nicht isoliert, sondern eingebettet in einen umfassenderen therapeutischen Prozess zum Einsatz kommt. Sie ist ein Werkzeug unter mehreren, das je nach individueller Situation und Thema gezielt eingesetzt wird – nicht als standardisierte Übung für alle, sondern als eine von mehreren Möglichkeiten innerhalb der methodisch breit aufgestellten existenzanalytischen Psychotherapie.
Wer sich für diese Methode und die dahinterliegende existenzanalytische Herangehensweise interessiert, findet in der Praxis von Dipl. Päd. Bernd Thell in Wien Hernals einen Therapeuten, der mit dieser und weiteren existenzanalytischen Techniken vertraut ist und sie individuell auf die jeweilige Lebenssituation seiner Klientinnen und Klienten abstimmt. Ein erstes Gespräch bietet die Möglichkeit, herauszufinden, ob dieser methodische Zugang für das eigene Anliegen passend erscheint.
Der Wert des eigenen Erlebens
Die Wertimagination erinnert an eine grundlegende, oft vergessene Wahrheit: Ein erfülltes Leben entsteht nicht allein durch richtige Entscheidungen oder äußeren Erfolg, sondern durch die Fähigkeit, das eigene Leben tatsächlich zu spüren, zu erleben und als bedeutsam zu empfinden. Diese Fähigkeit ist in jedem Menschen angelegt – manchmal braucht es nur die richtige Methode, um sie wieder zugänglich zu machen.